Seit der Erfindung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud vor ungefähr einem Jahrhundert wurde diese in viele Richtungen weiterentwickelt. Man denke zum Beispiel an die Individualpsychologie von Alfred Adler, die Urschrei-Therapie von Arthur Janov, die Bioenergie-Lehre von Wilhelm Reich oder die strukturalistische Psychoanalyse von Jacques Lacan. In seinem 2003 im Daedalus-Verlag erschienenen Buch “Psychopatho-Logik” (217 S.; 24, 80 €) stellt Dr. Volker Halstenberg einen neuen Ansatz vor: kybernetische Psychoanalyse.
In Halstenbergs kybernetischer Psychoanalyse wird die Psyche als autopoietisches System verstanden, das sich seine eigene Welt kreiert. Halstenbergs radikal konstruktivistische These lautet: “Autopoietisches Selbstmachen i. S. individueller Selbstkonstruktion psychischen Erlebens bedeutet, dass jeder seiner kognitiv-affektiven Eigenwelt Schmied ist, dass es folglich keine objektive Wirklichkeit und keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur subjektive Wirklichkeits-Konstruktionen und subjektive Wahrheiten. Jeder Mensch sieht und erlebt die Welt anders und so tummeln sich über sechs Milliarden “Eigen-Welten” auf unserem Planeten.” (S. 25)
Das Gesamtsystem Psyche gliedert sich in mehrere Subsysteme, die jeweils nach ihren eigenen binären Leitcodes operieren: “Im ES als Haupt-Repräsentanten des Unbewussten und “Sitz” der Leidenschaften und Lebenstriebe heiβt der binäre Code: lustvoll/unlustvoll […]. ÜBER-ICH als eine Art innerer Richter, der über Zulässigkeit von Informationen bestimmt, orientiert sich an gut/böse bzw. zulässig/unzulässig. […] Schlieβlich orientiert sich das ICH […] mit seinen Primärfunktionen Sprechen, Denken, Planen und Handeln am Code: real/irreal.” (S. 37)
In “Psychopatho-Logik” erfährt man viel über die klassische Psychoanalyse. So wird auch die Entstehung der psychischen Subsysteme in ihren wesentlichen Zügen traditionell nach dem Freud’schen Modell erklärt:
In der sogenannten oralen Phase (bis Ende des ersten Lebensjahres) herrscht uneingeschränkt das ES. Das Baby strebt nach Lust, diese wird v. a. in der Nahrungsaufnahme und durch die Wärme und Geborgenheit, die der enge körperliche Kontakt mit der Mutter bietet, erfahren.
In der analen Phase (zweites und drittes Lebensjahr) entwickelt sich das ICH. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Objekt Kot, dem ersten selbstgeschaffenen Produkt, und durch das willkürliche Ausscheiden und Zurückhalten desselben lernt das Kind “eine immer bessere Differenzierung von innen und auβen, ICH und Welt” (S. 51) und es lernt seinen eigenen Willen gegenüber der Welt zu behaupten.
In der dritten frühkindlichen Phase, die den Namen phallische oder genitale Phase trägt und im vierten bis sechsten Lebensjahr angesiedelt ist, entwickelt das Kind libidinöse Affekte gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil und Eifersuchts- und Haβgefühle gegenüber dem gleichgeschlechtlichen. In dieser Phase konstituiert sich durch Übernahme der Normen und Wertvorstellungen der Eltern das ÜBER-ICH. Dieses sorgt dafür, daβ die aggressiven Impulse gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil von Schuldgefühlen und Strafphantasien (beim Jungen auch Kastrationsangst) begleitet werden.
Alle Systeme sind um Selbststabilisierung bemüht. Zur internen Selbststabilisierung der Psyche gehört wesentlich, daβ das ICH unerlaubte Triebe und Wünsche, traumatische Erlebnisse, sowie unerträgliche ÜBER-ICH-Forderungen ins Unbewuβte verdrängt. Die Abwehrmechanismen, die dem ICH dabei zur Verfügung stehen, werden in “Psychopatho-Logik” ausführlich beschrieben. Doch das ICH als Kybernetes (griech. Steuermann) der Psyche leistet noch weit mehr für das psychische Gleichgewicht; es kann verbotene Wünsche nicht nur verdrängen, sondern zum Teil auch völlig unschädlich machen: “Es “trimmt” ES-Impulse auf Sozial-Akzeptanz und neutralisiert dadurch Konflikte mit der Umwelt und dem ÜBER-ICH, sorgt damit letztlich wieder für lustvolle Homöostase.” (S. 128)
Stabilität gegenüber äuβeren Einflüssen erreicht die Psyche dadurch, daβ sie weitestgehend ignoriert, was nicht in ihre Strukturen paβt. “Autopoietische Systeme”, schreibt Volker Halstenberg, “zeichnen sich durch selbstreferentiell-zirkuläre Operativität und hochselektiven Austausch mit spezifischen Umwelten aus.” (S. 40) Auf diese Weise entsteht die “dynamische Stabilität” eines normalen Charakters. “Charakterstörungen dagegen”, heiβt es weiter, “sind Selbstreproduktionen von Eigenzuständen, die nicht zeitgemäβ evoluieren, sondern invariant auf einer unzeitgemäβen Betrachtung propellieren. Die zwangsneurotische Charakterstruktur e. c., die unter besonders pflegewütigen Automobil-Fetischisten zu erkennen ist, basiert auf der Omnipräsenz von Erlebens- und Verhaltensweisen, die in der analen Phase wurzeln.” (S. 43)
Wie aber kann dem gestörten Charakter, der sich gegenüber Umwelteinflüssen verschlieβt und kosequent auf seiner Eigenlogik beharrt, geholfen werden? Laut Halstenberg ist dies nur durch den “heilsamen Schock der Differenz” (S. 147) möglich. Nachdem sich der Therapeut so gut es geht in die Eigenwelt des Patienten eingearbeitet hat, fungiert er als Störer, durch “Irritation und Perturbation”gibt er den ersten Anstoβ zur Heilung, die “entscheidende Wandlung” muβ die kranke Psyche jedoch aus sich selbst heraus vollziehen. (S. 123 u. 194)
In “Psychopatho-Logik” werden viele verschiedene psychische Erkrankungen analysiert. Dabei kommen neben der kybernetischen Psychoanalyse oftmals auch verwandte Theorien aus anderen kulturellen Kontexten zu Wort. So beginnt Halstenberg seine Betrachtung der Melancholie beispielsweise mit einer Darstellung der antiken Humorallehre. Empedokles und Hippokrates vertraten die Auffassung “der menschliche Körper setze sich physiologisch aus vier Säften (quattuor humores) mit jeweils binären Eigenschaften zusammen: der Schwarzen Galle (kalt-trocken), der Gelben Galle (warm-trocken), dem Phlegma (kalt-feucht) und dem Blut (warm-feucht). […] Befinden sich die vier Säfte im harmonischen Gleichgewicht (Krasis) – hier zeigt sich die antike Humoralpathologie als Vorläufer des Homöostase-Konzepts –, ist der Mensch gesund; […] Melancholie entsteht durch entsprechende Mischung der Säfte unter Dominanz der Schwarzen Galle.” ( S. 58f.)
Psychoanalytisch betrachtet ist Melancholie ein Konflikt zwischen ICH und ÜBER-ICH, der bei Verlust einer geliebten Person (nicht im Falle deren Todes, sondern bei Trennung / Scheidung von ihr) entsteht. “Libido, die dem Objekt anhaftet, geht mit dem Verschwinden desselben nicht auf ein neues Objekt über, sondern wird […] ins eigene Ich zurückgenommen. Narzisstische Introjektion oder Inkorporierung des ambivalent besetzten (hassgeliebten) Objektes. Das ÜBER-ICH nun betrachtet jenes internalisierte Objekt als fremdartiges, äuβeres Ding, nicht zur Person gehörig, und […] möchte es am liebsten aus dem psychischen System hinauskatapultieren.” (S. 65)
Die kybernetisch-psychoanalytische Beschreibung dieses Konflikts lautet: “Psycho-System A steht mittels struktureller Koppelung mit Psycho-Syystem B in einer ambivalenten Kommunikationsbeziehung. B fällt faktisch aus, bleibt jedoch als Unsicherheitsfaktor im Gedächtnis von A präsent. […] A macht B in Form einer zweiwertigen (Liebe/Hass) Konstruktion zu einem integralen Bestandteil seiner Selbstorganisation ( = neue Substruktur). Dieser Integrationsversuch führt logischerweise zu Systemstörungen […]” (ebd.)
An dieser wie an einigen anderen Stellen kann sich die Frage aufdrängen, was man eigentlich dadurch gewinnt, daβ ein und derselbe Sachverhalt noch einmal mit kybernetischem Vokabular ausgedrückt wird. Man muβ sich dabei aber vor Augen halten, daβ es Volker Halstenberg nicht darum geht, die Psychoanalyse zu revolutionieren; laut Halstenberg war Freud im grunde selbst Kybernetiker (S. 8), und so besteht das wesentlich Anliegen von “Psychopatho-Logik” darin, Freuds kybernetische Vorstellungen explizit zu machen und durch Hervorhebung dieses systemtheoretischen Aspekts ein neues Licht auf die Vorgänge in unserer Psyche zu werfen.
In “Psychopatho-Logik” spielt die Kunst eine wichtige Rolle. In der Kunst sieht Halstenberg groβes Heilungspotential, denn zum einen kann der psychisch Erkrankte durch künstlerisches Schaffen seine Konflikte verarbeiten, sich Wut, Ängste, Trauer etc. von der Seele schreiben / malen / musizieren, und zum anderen findet der Analytiker in den Kunstwerken seines Patienten viele Hinweise darauf, wo dessen Probleme liegen. (S. 87)
Halstenberg (der neben Psychologie, Psychosomatischer Medizin, Psychoanalyse und Kommunikations-Wissenschaften auch Kunstgeschichte studiert hat) betätigt sich in “Psychopatho-Logik” selbst als Analytiker und stellt dar, was bestimmte berühmte Kunstwerke über die psychische Beschaffenheit und die Biographie ihrer Schöpfer verraten.
Bei seinen Kunstbetrachtungen nimmt Halstenberg aber nicht nur einzelne Werke, sondern auch ganze Kunstströmungen in den Blick und analysiert diese aus soziopsychologischer Perspektive. In seinem “Fallbeispiel Surrealismus” schreibt er: “Der Surrealismus entwickelte sich […] aus einer kollektiven Sinnkrise. […] Man stand im dritten Dezennium des 20. Jahrhunderts. Zeit des blühenden Industriekapitalismus. Der Mensch denaturierte zum gepeinigten Knecht einer seelenlosen Produktionsmaschinerie. Ratio-technoide Autokratie. Kein Platz für sinnlich-emotionale Lebensqualitäten. […] Zwangsläufige Folgen dieser schizoiden Lebensverbrämung waren […][q]ualvoller Selbst- und Weltverdruss. Horror vacui. Angst. […] Die surrealistischen Exponenten wollten auf regressiv-introspektivem Wege jene zeitgenössischen Frustrationen und Deprivationen kompensieren, das Innere nach auβen kehren, um den zivilisationskranken élan vital durch Imaginäres, Irrationales, Chimärenhaftes neu zu beleben. […] Wie keine andere Kunstrichtung schöpft die surrealistische Malerei aus dem dämonischen Unbewussten mit seinem schier grenzenlosen Reservoir an obskuren Gestalten und polyvalenten Symbolen.” (S. 159-62)
“Psychopatho-Logik” ist ein interessantes, in originellem Stil verfaβtes Buch, das durchaus auch für Laien eine gewinnbringende Lektüre sein kann, sofern diese sich die Mühe machen, den ein oder anderen Fachterminus nachzuschlagen, denn nicht jeder wird (hinreichend) erklärt.
Volker Halstenberg: Psychopatho-Logik. Kybernetik – Psychoanalyse – Kunst – Kreativität.
Münster 2003 |